Published_ 22. April 2026
Geniales UX + NoMarketing = Dark Mode
Ich liebe den Dark Mode.
Aber es hat ganz schön lang gedauert, bis ich mich damit anfreunden konnte. Windows hat das Feature schon 2016 eingeführt, aber erst mit der Bereitstellung unter Android und iOS kam es bei den Usern an. Ich selbst setze (auch nur ab und zu) seit 2022 darauf, weil ich immer wieder den Eindruck habe, dass ich nicht unter Volllast arbeite, wenn alles augenschonend auf dem Bildschirm ist – da schaltet auch mein Hirn einen Gang runter.
Kommt dir das bekannt vor? Es gibt sogar eine Studie, die den Zusammenhang untersuchte:
Dark Mode erwies sich als besser geeignet für Aufgaben mit geringeren Anforderungen an die Sehschärfe, wie das Lesen von Texten oder Browsen in sozialen Medien, während Light Mode besser für Aufgaben mit hoher Sehschärfe geeignet war, wie Textbearbeitung oder Grafikdesign. https://ceur-ws.org/Vol-3575/Paper15.pdf
Dass ich häufig auf den Dark Mode schalte, obwohl ich viel mit Text und Grafik arbeite, liegt vermutlich auch daran, dass es so modern und cool aussieht. Das Auge isst mit…
UX ist eine hohe Kunst
Da ich seit vielen Jahren auf Linux arbeite und davor tendenziell lieber an Macs als an Windows-Kisten werkelte, bin ich sehr aufgeschlossen für Bedienelemente, Helferlein und Gimmicks in der Oberfläche von Computern. Ist ja auch logisch: wer sich mit vielen Betriebssystemen auseinandersetzt und dabei einigermaßen IT-affin ist, lernt die Besonderheiten schnell kennen und schätzen.
Ich habe mir im Lauf der Zeit 2 Favoriten herausgepickt, ohne die ich nicht mehr arbeiten möchte. Das eine (Miller Columns) kenne ich seit der Einführung von OS X, das andere (Gnome Pie) habe ich erst vor wenigen Monaten gefunden und bin hellauf begeistert. Und keine Sorge: das wird hier kein Nerd-Artikel. An den beiden Beispielen möchte ich heute über das Technologieakzeptanzmodell sprechen.
Technologieakzeptanzmodell – Dein Ernst?
Technologieakzeptanzmodell! Was für ein Monster von einem Wort. Im Kern beschreibt es, wie man sich das Verhalten von Menschen vorstellen kann, wenn ihnen eine Technologie zur Verfügung gestellt wird. Das Akzeptieren hängt sehr direkt mit User Experience (UX) und User Interface Design (UID) zusammen, wird aber um eine spannende psychologische Komponente ergänzt.
Studien dazu deuten darauf hin, dass Menschen Gewohnheitstiere sind, die wegen fehlender Kenntnis auf Verbesserungen verzichten, bis eine disruptive Transition dafür sorgt, dass plötzlich niemand mehr darauf verzichten kann. Im Fall des Dark Mode war das die Einführung auf Smartphones: wer nachts im Bett noch scrollt, schätzt es sehr, wenn der Bildschirm nicht mehr so grell blendet.
Für Anbieter solcher Verbesserungen bedeutet das, dass neben Hartnäckigkeit auch Mut, Marketing und Zeit eine wichtige Rolle spielen. Microsoft bot den Dark Mode schon vor 10 Jahren an, und viele User verzichten am Arbeitsrechner bis heute darauf – aus reiner Gewohnheit.
Was sind denn nun Miller Columns und dieses Gnome Pie?
Ich bin froh, dass du fragst, denn neben der theoretischen Diskussion von UID/UX sollst du ja auch praktischen Nutzen aus diesem Beitrag ziehen.

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Miller Columns bezeichnet die Spaltenansicht von Computerdateien. Und die kannst du dir ganz easy auf deinen Windowsrechner holen. Installiere dazu aus dem Microsoft Store den OneCommander. Die App ersetzt den Dateiexplorer und bietet neben vielen Optionen gleich zwei aus dem Mac-Universum bekannte Features an, die das Arbeiten sofort erleichtern: Neben der schon genannten Spaltenansicht auch noch das farbliche Markieren von Daten mit Flags – das macht die Auffindbarkeit von Dateien deutlich einfacher.

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Gnome Pie und Fly Pie sind Linux-Entwicklungen des deutlich zu bescheidenen freien Entwicklers Simon Schneegans Die beiden Tools (Fly Pie ist eine Weiterentwicklung von Gnome Pie) sind eine sehr fortschrittliche Erweiterung der Startkacheln, Docks und weiterer per Maus steuerbarer Elementen auf der Oberfläche von Desktops. Mit dem Unterschied, dass die Maussteuerung obsolet wird. Was gerade für Entwickler ein echter Segen ist: die Arbeit in Terminals und Code Editoren muss nicht mehr durch das Herumklicken mit der Maus unterbrochen werden.
Jetzt wird es kurz nerdy, wenn dich das triggert, überspringe einfach die beiden kommenden Absätze:
Weil die beiden Pie-Utilities ausschließlich für Linux verfügbar sind, hat Simon sich mit Kando eine Weiterentwicklung und Erweiterung der beiden Pies ausgedacht und dabei auf das Ausrollen für MacOS und Windows konzentriert. Ich habe Kando bisher nicht genutzt, da ich schon von dem großartig innovativen Konzept der Pies völlig begeistert bin. Ausgehend von der Qualität seiner bisherigen Arbeit bin ich aber sicher, dass Kando das Potenzial hat, ein Next Big Thing wie damals der Dark Mode zu werden.
Die Hürde ist allerdings die, dass Kando weder im Microsoft Store noch im Appstore zu finden ist, sondern über das dubiose Terminal installiert werden muss.
Und hier schließt sich der Kreis zum Technologieakzeptanzmodell: Solange ein Angebot zur Verbesserung einer Aufgabe selbst nur unter großem Aufwand angenommen werden kann und gleichzeitig kaum auffindbar ist, wird es diese Hürde zur Akzeptanz kaum nehmen.
Wie oft wurde ich (wenn auch nur halb ernst) von meinem Kollegen aus der IT dafür angepflaumt, dass meine Probleme mit dem New Outlook ganz einfach verschwinden, würde ich nur zum alten Outlook zurückkehren.
Was können wir tun?
Es gibt eine Brücke, die man nutzen kann, um für Technologieakzeptanz zu werben, und das ist kontinuierliches Storytelling innerhalb einer Kommunikationsstrategie. In den Wirtschaftswissenschaften kennt man den Gartner Hype Cycle, der die Verinnerlichung neuer Produkte oder Systeme in grob 5 Phasen unterteilt. Sehr früh in dieser eigentlich gleichmäßig wachsenden Kurve der Anwender gibt es einen tiefen Einschnitt, der quasi wie eine Schwelle wirkt: ist diese erst überwunden, dann folgt die breite Masse dem neuen System. Ist der Einschnitt zu tief, verliert die entscheidende Menge an Nutzern das Interesse und die Bereitschaft zur weiteren Beachtung – das Angebot fliegt aus dem Markt.
Und genau hier setzt kluges strategisches Storytelling an. Nachdem die Super Early Birds und Adopters an Bord sind, müssen wir im Marketing dafür sorgen, dass die Geschichte weitererzählt wird.

(Es gibt noch einen anderen Weg: den der schieren Marktmacht, siehe Apple mit den Miller Columns und Windows mit dem Dark Mode. Aber so weit kommen die wenigsten Unternehmen)
Diese Kluft rührt daher, dass viele Anwender nicht informiert werden oder sich nicht die Zeit dafür nehmen. Was sie brauchen sind klare und kurze Tipps, garniert mit viel visueller Stimulation. Wer dann noch die Stimmen der frühen Pragmatiker einfängt und in das Storytelling einbindet, ist auf dem richtigen Weg.
Klartext
Um ein wirklich neues innovatives Produkt an den Start zu bringen, will die Werbetrommel gerührt werden. Zur rechten Zeit am rechten Ort, und so dass die adressierte Zielgruppe es hören kann.
Marketing is
notdead!
Kleines Beispiel zum Schluss:
Als ich meiner damals 16-jährigen Tochter ein Linux-Laptop hingestellt habe, wollte sie erst nicht. Und erst recht nicht wollte sie in’s Terminal, das sah ihr zu nerdy aus. Nachdem ich sie sanft gezwungen habe, einen einzigen Installationsbefehl einzugeben und sie das Ergebnis sah, war sie hin und weg. Seitdem nutzt sie das Terminal so sorgenfrei, wie das Digital Natives mit so vielen Geräten wunderbar hinkriegen.
Und fühlt sich ein bisschen wie eine Coderin.