Die digitale Intervention

Digitalisierung ohne Transformation – ein teures Placebo!

Beschreibung

„Was bin ich froh, dass ich so’n dürrer Hering bin, denn Dicksein ist ne Quälerei“. (Marius Müller-Westernhagen, Dicke)

Das war 1978 ein für Kinderohren wahnsinnig lustiger Song, dessen kritische Attitüde ich kaum wahrnahm. Stattdessen fühlte ich mich bestätigt, weil ich selbst (bis heute) so’n dürrer Hering bin. Dass das sehr viel mehr mit günstiger genetischer Veranlagung, Bewegungsdrang und gesunder Ernährung als mit einer von mir erzeugten Qualität zu tun hat, ist heute natürlich eine Binse.

Um mich herum erlebe ich, wie Abnehmspritzen wie die von Ozempic gerade in Werbeblasen wie Meta und Alphabet mit riesigen Budgets beworben werden. 2026, nicht 1978. Dicksein ist immer noch Makel, Fehler, Grund für Scham.

Lösungen werden angeboten für ein Problem, das erst mal geschaffen sein wollte, und daran haben seit Jahrzehnten viele mitgewirkt. Die Lösungen werden zunehmend auch digitaler, denn wo die Bewegungsangebote, die Nahrungsergänzungsmittel, die Diätratgeber den Markt schon lange gesättigt haben, verspricht unsere köstliche und alles-wissende digitale Branche noch mehr, umfassendere, holistischere Hilfe. Diesmal wirklich. Echt. Ohne Scheiß.

„Sie sind viel zu fett.“ Das zu schreiben erfordert keine hellseherischen Fähigkeiten, für jeden Körper findet sich eine Statistik, die das belegt. Je nach Quelle bin auch ich mit meinen 178 Zentimetern und 64 Kilo (oder so) über irgendeinem pathogenen Mittelwert.

Verstehen Sie mich richtig: digitale Lösungen finde ich wahnsinnig interessant!

  • Weil ich selbst die Hoheit darüber habe
  • Weil ich entscheide, welches Tool ich wann für welchen Zweck einsetze
  • Nicht zuletzt, weil mich begeistert, was sich alles digital abbilden lässt

Und glücklicherweise muss ich als Unternehmer nicht mehr lange recherchieren, ich frage mal eben die KI um Rat. Mit dem hilfreichen Prompteinstieg

„Stell dir vor, du bist GF eines KMU und willst die Digitalisierung deines Unternehmens effizient und effektiv so aufsetzen, dass du ab der Mitte des Jahres in die Skalierung kommst“

Ich bin so ein braver, dressierter Affe… so werde ich bestimmt mit hochseriösen Vorschlägen vorangebracht:

Beschreibung

Was tatsächlich im Hintergrund geschieht? Dass mir die KI die Lösung empfiehlt, die aus stochastischen Gründen am wahrscheinlichsten ist. Und so lassen wir uns blenden von den gut geölten Marketingmaschinen der Big Player. #Branchenstandard #Marktführer #GameChanger – die passenden KeyWords in die passende Zielgruppenmetrik eingepetert, und schon gibt mir die KI den Link zum Anbieter. #GEOstattSEO ;-)

Darum nutzen so viele Menschen die Produkte von Microsoft, Adobe, SAP. Weil die sich als einzige Experten erfinden. Und weil diese Experten alle relevanten Keywords in’s Getriebe gießen. Und damit Relevanz und Glaubwürdigkeit simulieren.

Ich erlebte erst kürzlich einen von der Richtigkeit seines Handelns völlig überzeugten Entscheider, der als „Digitalisierungsstrategie“ seines Unternehmens einen millionenschweren Vertrag mit einem SaaS-Anbieter unterzeichnet hatte. Die Software definiert Standards, sie ist deshalb dringend geboten. Und es erfordert viel Mut, jahrelang geduldeten Wildwuchs auf Grundlage einer selbst gebastelten Lösung auszudünnen und gelernte Altlasten zu eliminieren.

Das alles ist richtig und progressiv, wegweisend und strategisch durchdacht. Aber es ist keine Transformation. Denn der notwendige Schritt zurück, um ein umfassendes Big Picture zu bekommen, den hat er nicht getan. Stattdessen vertraut er auf die Expertise von ihm vorgesetzten Entscheidern … ich will das nicht typisch deutsch nennen, aber eine Tendenz zur Verantwortungsdelegation erkenne ich, wenn ich sie vor mir habe.

Ich bin ein meinungsstarker Mensch.

  • Ich finde Coldplay dramatisch überbewertet.
  • Eine Website, die aus WordPress-Elementor zusammengeklopft ist? Rausgeschmissenes Geld.
  • Die verkrampfte Suche nach Onlinemarketingmanagern für Social Media? Ein Zeichen von digitaler Ignoranz.
  • Die Star Wars-Fanblase? Not my cup of tea.

All das sind Meinungen, die niemand teilen muss. Die sicher auch angreifbar sind. Jenseits von meiner persönlichen Meinung aber ist das „Dicksein unserer Zeit“, also die ständige Erweiterung eines digitalen Werkzeugkastens um noch eine App keine Optimierung, sondern Symptombekämpfung. Als würden Sie in der Apotheke nach einer Medikamentenverpackung suchen, die Sie aus der Werbung kennen, statt einen Facharzt zu konsultieren.

Dicke ham’s so schrecklich schwer mit Frauen
Denn Dicke sind nicht angesagt
Drum müssen Dicke auch Karriere machen
Mit Kohle ist man auch als Dicker gefragt

Wann haben wir eigentlich angefangen, Software-Features mit echter Strategie zu verwechseln?

Ich bin gespannt: Welches Tool in Eurem Stack ist eigentlich nur ein „digitales Pflaster“ für ein Problem, das ganz woanders liegt? (Und ja, ihr dürft mich für meine Coldplay-Meinung in den Kommentaren steinigen.)